Robert Musil
Ineinandergreifen von Gefühl und Verstand. Ästhetik der "Stimmung" bei Robert Musil zwischen Technik, Psychophysik und Literatur
Dissertationsprojekt von Sergej Rickenbacher
Die Analyse des Verhältnisses von Gefühl und Verstand wurde im 19. Jahrhundert von Psychophysik und Psychologie auf experimenteller Basis neu konzipiert. Sie besitzt allerdings in Robert Musils Augen entscheidende Nachteile: Zum einen können psychische Phänomene nicht befriedigend durch physiologische Vorgänge erklärt werden, und zum anderen ist die Komplexität der psychischen Prozesse nicht mit verallgemeinernden Begriffskategorien zu fassen. Dagegen sieht der ausgebildete Ingenieur und Experimentalpsychologe Musil in der poetischen Sprache mit ihren analogischen und parabolischen Strukturen ein Medium, in dem die funktionale Ineinandergreifen von sinnlicher Empfindung, psychischem Gefühl und intellektureller Vorstellung adäquat reflektiert werden kann.
Trotz Musils Wissenschaftskritik sedimentieren ingenieurswissenschaftliche, psychophysische und psychologische Diskurse seine literarischen Werke. Als zentrale Schnittstelle fungiert dabei das Experiment. Nicht nur betrachtet Musil seine literarischen Texte als Experimentalanordnungen, sondern die experimentale Praxis dringt auch in die Poetologie der Werke ein. In psychologischen Versuchen erfährt Musil am eigenen Leibe, dass die ›Maschine‹ Messgerät ist und das zu beobachtende Phänomen erst erzeugt. Gleiches gilt für ihn fortan in der Literatur: Sie stellt Wirklichkeit nicht allein dar, sondern erzeugt ebenso eine eigene Wirklichkeit. Diese doppelte Orientierung koppelt Musil über energetische Konzepte zurück an die technischen Wissenschaften. Die erste These meines Dissertationsprojekts lautet demzufolge, dass ingenieurwissenschaftliche, psychophysische und ästhetische Konzepte in Musils Frühwerk zu einer emotio-rationalen Poetologie emergieren.
Eine Reduktion auf interdiskursive Übertragungen von Fragestellungen und Konzepten greift im Fall Musils jedoch zu kurz. Denn erstens orientiert sich Musil an diesen Diskursen vorwiegend im Hinblick auf ästhetische und mediale Reflexionen und erprobt an ihnen poetologische Konzepte. Und zweitens zeigt sich werkgenetisch eine Verschiebung von literarischen Darstellungsfragen über eine poetische Phänomenologie von Empfindung, Gefühl und Verstand hin zu einer absoluten Literatur. In dieser kritischen Revision zeitgenössischer Dichtungstheorien naturalistischer, impressionistischer oder expressionistischer Prägung verlieren mimetische Überlegungen und der emotio-rationale Ausdruck zunehmend an Relevanz. An ihre Stelle tritt die Literatur als Phänomenbereich mit beinahe aporetischer Wirkungsästhetik, der nur in einer mystischen Sprache fassbar ist. Die zweite These lautet deshalb: In den literarischen Texten von Musil lässt sich eine Entwicklung der Poetologie von einer Mimetik der psychophysischen Funktionen (Törless, Die Vereinigungen) zu einer Eschatologie des Textes (z. B. Die Amsel, Die drei Frauen) aufzeigen.
Diese Umorientierung zeitigt auch ästhetische Konsequenzen, die sich in verschiedenen Ästhetiken der ›Stimmung‹ bei Musil akzentuiert. Der Begriff ›Stimmung‹ eignet sich aus drei Gründen besonders für eine genetische Analyse von Musils Werk. Erstens zeichnet sich das Konzept ›Stimmung‹ durch eine Mehrfachkodierung aus, die sowohl Musikpraxis und Instrumentenbau, physikalische Rezeptionstheorien und psychologische Modelle als auch antike und christliche Kosmologien vereint. Zweitens besitzt ›Stimmung‹ genuine Ich-Qualitäten und transzendiert gleichermassen die Grenzen zwischen Subjekt- und Objektwelt. Und drittens besitzt ›Stimmung‹ dank ihrer signifikanten Unschärfe und Mehrfachkodierung ein integratives Potential. Alle diese Qualitäten des Stimmungsbegriffs macht sich Musil zunutze.
Musils funktionaler Umgang mit Stimmungskonzepten erweist sich entsprechend als äusserst disparat. Die Verwirrungen des Zöglings Törless bringen zunächst die emotio-rationale Sprache durch die diskursiven Ästhetiken der ›Stimmung‹ zur Literatur. In den Novellen der Vereinigungen fungiert sodann das ›Zusammenstimmen‹ von Körper, Gefühl und Verstand in im Sinne einer utopischen Wirkungsästhetik. Nach dem historischen Einschnitt des 1. Weltkriegs schliesslich verschwinden in Musils Stimmungskonzept mimetische Konzepte wie utopische Wirkungsträger endgültig, und es findet eine Öffnung zu einem eschatologischen Textverständnis statt. Musil bedient sich also nicht nur der im frühen 20. Jahrhundert virulenten Stimmungsästhetik, er verwandelt Stimmung recht eigentlich in ein literarisches Phänomen.
Literaturauswahl
Robert Musil
- Die Kraftmaschinen des Kleingewerbes (1904), in: ders., Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs und Studien zur Technik und Psychotechnik, Reinbek b. Hamburg 1980, S. 141–164.
- Die Beheizung der Wohnräume (1904/05), in: ebd., S. 165-176.
- Die Verwirrungen des Zöglings Törless (1906), in: Gesammelte Werke 6, Reinbek b. Hamburg 1978, S. 7–140.
- Die Vereinigungen (1911), in: ebd., S. 156–223.
- Grigia (1924), in: ebd., S. 234–253.
Ingenieurswissenschaften & Psychophysik
Gustav Theodor FECHNER, Elemente der Psychophysik, Leipzig 1907.
Hermann von HELMHOLTZ, Vorträge und Reden, 2 Bde., 1896.
J. O. KNOKE, Kraftmaschinen des Kleingewerbes, Berlin 1887.
Ernst MACH, Analyse der Empfindungen und das Verhältniss des Physischen zum Psychischen, Jena 1900
Richard VATER, Kraftmaschinen des Kleingewerbes, Leipzig 1900.
Wilhelm WUNDT, Grundzüge der physiologischen Psychologie, 3 Bde., Leipzig 1908.
Stimmung
Anna-Katharina GISBERTZ, Stimmung zur Wiederkehr einer ästhetischen Kategorie. München 2011.
Hans-Georg VON ARBURG/Sergej RICKENBACHER (Hg.): Concordia discors. Ästhetiken der Stimmung zwischen Literaturen, Künsten und Wissenschaften. Würzburg 2011 (im Druck).
Leo SPITZER, Classical and Christian Ideas of World Harmony. Prolegomena to an Interpretation of the Word ›Stimmung‹. Baltimore 1963.
David WELLBERY, Stimmung, in: Karl-Heinz Barck u. a. (Hg), Ästhetische Grundbegriffe 7, Stuttgart 2001, S. 703–733.


